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Kaffee, Tee, Kakao

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Kaffee, Tee, Kakao ist für mich eine automatische und selbstverständliche Aneinanderreihung von Worten wie die logische Zahlenreihenfolge eins zwei drei.

Kaffee, Tee, Kakao steht als Synonym für das Aufgabengebiet des Vorgesetzten meiner Mutter, Herrn A. C. Herr A.C. war Vertriebschef bei Edeka und zuständig für diesen Bereich. Meine Mutter arbeitete über 30 Jahre als Sekretärin für ihn und über diesen Zeitraum habe ich diesen Mann auch gekannt und erlebt.

Das erste, kleine Büro, dass sich Herr A.C. in unserem Dorf angemietet hatte, lag praktischerweise auf meinem täglichen Weg zum Kindergarten. So gingen meine Mutter und ich morgens gemeinsam aus dem Haus, ich durfte noch kurz im Büro Herrn A.C. Guten Morgen sagen und verschwand dann im Kindergarten, der direkt um die Ecke von seinem Büro lag. Ich war froh, dass ich mich nur kurz in dem kleinen Büro aufhalten musste, denn der ganze Raum war bereits morgens von Rauchschwaden seiner Zigaretten erfüllt. Die Luft vermischte sich mit dem Geruch des frisch aufgebrühten Kaffees. Das alles ergab für mich einen stechenden und beißenden Geruch, der mir als Kind sogar Übelkeit verursachte.

Die Umsatzzahlen von Kaffee, Tee, Kakao waren in den 70’ern so gut, dass Herr C. ein größeres Büro mit einer angeschlossenen Lagerhalle in unserem Dorf anmieten konnte. Seine Karriere als Vertriebschef Süddeutschland fand hier seinen Höhepunkt. Er hatte mehr als zehn Mitarbeiter, die im Außendienst für ihn unterwegs waren und in den Edekageschäften die Kaffee, Tee, Kakao Bestellmengen aufnahmen und die Auslieferung organisierten. Meine Mutter war als seine rechte Hand weiterhin dabei.

Als Chef war Herr A.C. ein Choleriker, ein Despot, ein Chaot und ein Diktator. Ich habe auf dem Nachhauseweg von der Schule meine Mutter oft im Büro abgeholt und war Zeuge seines Führungsstils, der so manchen Mitarbeiter in die Verzweiflung trieb. Gegenüber meiner Mutter war er stets höflich und freundlich. Ich glaube, dass es an der unausweichlichen Symbiose der beiden lag oder einfach an der Tatsache, dass er insgeheim wusste, dass es eine gewisse Abhängigkeit gab. Denn so chaotisch wie es im Büro auf seinem Schreibtisch aussah, so wirr und ungeordnet waren seine diktierten Geschäftsbriefe, die meine Mutter schreiben musste. Meine Mutter formulierte die Texte um, passte den Wortlaut an und legte ihm die Briefe zur Unterzeichnung vor. Und er? Er war höchst zufrieden mit seinem Diktat und dem Schreiben – als ob er es selbst so diktiert und geschrieben hätte. Ich wüsste heute noch zu gerne, ob er wirklich geglaubt hat, dass er diese Briefe so diktiert hatte.

Seine Wertschätzung für die Leistungen meiner Mutter drückte Herr A.C. jedoch nie in einem persönlichen Danke aus, sondern meine Mutter erfuhr es immer über Dritte oder durch seine Ansprache bei dem alljährlichen Gänseessen, zu dem er alle Mitarbeiter vor Weihnachten einlud. Aber auch dann konnte er nie zugeben, dass die ein oder andere Idee für die Verkaufsförderungsmaß-nahmen von meiner Mutter stammten, sondern nutzte dies immer für seine persönliche Erfolgsdarstellung.

Herr A.C. hat für mich die Statussymbole eines erfolgreichen Managers verkörpert. Er fuhr einen Mercedes, besaß einige edle Markengegenstände und schaffte es, diese Luxusmarken als Incentive für besonderen Verkaufserfolg an seine Kunden und seine Vertriebsmitarbeiter weiter zu geben. Dieser Tatsache habe ich es zu verdanken, dass mein erster Taschenkalender mit einem Montblanc-Ledereinband und dem passenden Montblanc-Kugelschreiber ausgestattet war. Als junge Frau bekam ich eine Aigner Lederhandtasche und Aigner Halstücher geschenkt und durch die Prämienzugabe von Villeroy & Boch-Porzellan bei besonders hoher Kaffeeverkaufsquote hatte ich auch bald mein Kaffee- und Tafelservice für meine Aussteuer komplett.
Er hat mir sehr gerne Geschenke gemacht und ich denke heute, dass es bestimmt daran lag, dass seine Ehe kinderlos blieb und sich seine Frau mit Alkoholkonsum und Unmengen von Puppen tröstete.

Herr A.C. verfolgte interessiert meinen Werdegang von der Schulzeit bis zum ersten Ausbildungstag. Die Wahl meiner Ausbildungsstätte hat er maßgeblich mitbestimmt. Ich hatte damals drei verschiedene Ausbildungsbetriebe zur Auswahl und wusste nicht genau, für welche Firma ich mich entscheiden sollte. Herr A.C. war es, der mich darin bestärkte, dass ich zu Ferrero ging und Industriekauffrau lernte. Süßwarenproduktion und Vertrieb von Kaffee Tee Kakao wird immer benötigt werden, war seine Argumentation. Außerdem war Herr A.C. in der Lebensmittelindustrie sehr gut vernetzt und hatte erfahren, dass die Ausbildung bei Ferrero sehr gründlich und vielseitig ist. Dies wäre für einen guten Start ins Arbeitsleben ungeheuer wichtig.

Herr A.C. sollte recht behalten. Ferrero war für mich ein guter Start in die Arbeitswelt. Neben diesem Ratschlag habe ich natürlich auch durch den Berufsalltag meiner Mutter ein großes Spektrum der Aufgaben in einem Bürobetrieb erfahren dürfen.
Doch eine Lebensweisheit ist unauslöschlich mit ihm verbunden, die er mir für meinen ersten Ausbildungstag und mein weiteres Berufs- und Privatleben mit auf den Weg gegeben hat und die mit ihm verbunden ist wie Kaffee, Tee, Kakao: „Denken Sie daran Fräulein B., man sieht sich im Leben immer zwei Mal.“

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