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Lebenszeichen

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Es ist Anfang Juni 2015. Ich lese in einer Tageszeitung, dass am 1. Juni in Belgien die letzte Telefonzelle abtransportiert wird.
Bei uns in Deutschland gibt es seit Ende 2014 nur noch 38.000 Telefonzellen. Das ist ein Drittel des ursprünglichen Bestandes. Die restlichen zwei Drittel wurden entsorgt, da die Kosten für die Instandhaltung zu hoch war.
Wo finden diese Gespräche, die einst in den gelben Kabinen, die höchstens eine Grundfläche von einem Quadratmeter hatten, die durch die Glaselemente perfekt einsehbar waren und deren großer schwarzer Griff das Türöffnen nur mit großer Kraftanstrengung ermöglichte, nun statt?Wer ist heute noch in einer solchen Kommunikationseinrichtung zu finden?
Ich kann mich noch sehr gut an die Warteschlangen vor den Telefonzellen erinnern. Es war in unserem Familienurlaub im Sommer 1975 in Süddeutschland. Wie viele andere Familien ging es nach dem Abendessen zum Dorfplatz der bayrischen Gemeinde. Und dort war sie schon die leuchtend gelbe Telefonzelle, die von der Hitze des Tages glühte, in der man kaum Luft bekam und in die wir uns zum Telefonieren hineinquetschten. Mein Vater, meine Mutter und ich standen in der Telefonzelle und sobald sich die Tür hinter uns geschlossen hatte, reichte der Stehplatz gerade aus, um eng an eng, dicht aneinandergedrückt das gemeinsame Telefonat mit der in unserer Heimat alleine in unserem Haus zurück gebliebenen Oma führen zu können. In den nächsten zwei Wochen Sommerurlaub stand mindestens zwei Mal wöchentlich der Anruf zuhause auf dem Abendprogramm.
Die Tage vor dem Anruf wurde das Kleingeld gesammelt, um den Telefonapparat damit zu füttern und somit auch wirklich eine Verbindung mit zuhause möglich zu machen. Die Schlange vor der Telefonzelle hielt uns nicht davon ab geduldig zu warten bis wir endlich an der Reihe waren. Dann schoben meine Eltern und ich uns zu dritt in das Telefonhäuschen hinein: kurzes Akklimatisieren, danach der erste Schweißausbruch und das Gefühl, dass wir gleich keine Luft mehr bekommen würden, weil die Sonne durch die Fensterscheiben immer noch hineinschien, der Sauerstoff in dem abgeschlossenen Raum von den Vorgängern schon verbraucht war und unsere Körper noch die Wärme des Tages ausstrahlten.
In den darauffolgenden Jahren blieb es immer einem Familienmitglied erspart, dass er mit in die stickige Telefonzelle musste. Die Tatsache, dass wir uns einen Hund angeschafft hatten, brachte die Konsequenz mit sich, dass wir nicht alle drei plus Hund in die Kabine passten. Ein Vorteil, den mein Vater gerne ausnutzte, um gemütlich auf einer Parkbank vor der Telefonzelle zu warten, während meine Mutter und ich in der Telefonzelle die Verbindung mit zuhause aufnahmen.
20 Jahre und einige Telefonzellengespräche später im Sommer 1995 bin ich mit meinem Fahrrad alleine um den Bodensee geradelt. Die Verbindung zu meinen Eltern zuhause war ein mobiles Telefon, d.h. ein Handy. Ein Telekommunikationsgegenstand, der nur aus einem Hörer bestand, ohne Schnur, schwarz, etwa 20 Zentimeter lang inclusive Antenne. Das mobile Telefon wurde auf der Radtour in meinem Rucksack gut verwahrt und fuhr mit mir fest verzurrt auf dem Gepäckträger rund um den Bodensee.
Ich kann mich heute – wiederum 20 Jahre später im Jahr 2015 – noch genau an die Wegkreuzung damals am Bodensee erinnern, als mein Telefon plötzlich klingelte, ich vom Fahrrad absprang, meinen Rucksack öffnete, das Telefon herausnahm und mitten auf dem Radweg den Hörer an mein Ohr hielt: „Ja Mama, es ist alles gut gelaufen. Ja, es ist wunderschön hier. Nein, das Fahrrad hatte noch keinen Platten.“ Ich stand in keiner abgeschlossenen Telefonzelle mehr, sondern mitten auf dem Bodenseeradweg. Die vier Wände der Telefonzelle, die doch auch für so etwas wie Intimität und Privatsphäre bei einem Telefongespräch gesorgt hatten, fehlten. Stattdessen stand ich in freier Natur und konnte live berichten. Meine Lieben zuhause mussten sich keine Sorgen um mich machen und konnten mich immer erreichen.
Diese Erreichbarkeit in meinem Leben hat sich gewandelt: Ich habe Postkarten geschrieben, ich stand in Schlangen vor Telefonzellen, ich ließ mich vom Empfang im Hotel mit meinem Zimmertelefon „nach draußen“ verbinden, ich habe ein Handy.
Aus meinem letzten Urlaub habe ich meiner Mutter Fotos per Handy mit einer E-Mail auf ihren Laptop geschickt. Damit sie die elektronische Post auch liest, bekam sie vorab noch eine SMS mit lieben Grüßen und dem Hinweis, dass nun elektronische Post bei ihr eingegangen ist.
Ich bin überall vernetzt, online und erreichbar. Die Privatsphäre einer Telefonzelle vermisse ich spätestens dann, wenn ich in der S-Bahn sitze und mir von einem pubertierenden Mädchen ihren neuesten Liebeskummer anhören muss. Ich habe damals stundenlang das Festnetz zuhause blockiert und saß in der hintersten Ecke vom Flur, nur um ungestört mit meiner Freundin Caroline über meine letzte Verabredung mit Tom, dem coolsten aller Jungen aus unserer Clique, berichten zu können.
Ich schätze den Fortschritt und freue mich über die Vorteile des Mobiltelefons, die das Zusammenleben erleichtern, wenn ich wieder mal zu spät zu einer Verabredung mit meiner Freundin Caroline unterwegs bin und noch eben mal kurz anrufen kann, damit sie auf mich wartet und sich keine Sorgen um mich macht.
Ich habe ein I-Phone, einen PC, ein I-Pad und nutze zur modernen Kommunikation What’sApp.
Aber Postkarten schreibe ich heute immer noch. Ich sitze an dem Tisch in einem gemütlichen Café in einem malerischen Ort am Rhein und werde von dem älteren Mann, der mir schräg gegenüber sitzt angesprochen. Er lächelt und sagt: “Es gibt sie also noch. Die Postkarten und die Menschen, die sie schreiben.“

Birgit S.

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