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Der Hang

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Dunkelrote Rosen und weiße Nelken, so gebunden, dass sie auf einem Palmblatt fächerförmig liegen. Die junge russische Verkäuferin legt die Blüten behutsam, liebevoll zurecht. „So mache ich zum ersten Mal“, sagt sie bescheiden.
Ich ahnte nicht, dass es mir so schwer fällt, diesen Grabschmuck zu tragen. Es muss sein.
Ich steige zu meinen – der Geschichte und der Gegend kundigen – russischen Begleitern in den Wagen. Die Fahrt beginnt in Orjol, etwa vierhundert Kilometer südlich von Moskau. wir Wir nähern uns der Stadt Chotinez und erfragen den Weg nach unserem Ziel: Obraszowo. Über tief gefurchte Feldwege erreichen wir den kleinen Ort. Einige wenige Häuser sind zu sehen auch ältere, langsam verfallende Holzhäuser auf einem Hügel. Unten im Wiesengrund ein Brunnen.

Gegenüber erstreckt sich eine Pläne, gleichmäßig mit Gras bewachsen. Sie zieht sich lang hin, völlig frei einsehbar bis zur südlich liegenden Kuppe. Das muss sie sein, die Höhe 243.
Lerchen steigen singend auf, hoch hinauf.

Wie muss es schlimm gewesen sein – damals im August 1943!
Auf diesem Feld lagen sie alle, die Toten, die Verwundeten in ihrem Schmerz, die Schreienden in ihrer letzten Qual.
Mit seinen Männern bildet mein Vater die Nachhut und verteidigt von Höhe 243.8 aus die Straße nach Karatschew, die den Deutschen als einzige Rückzugsmöglichkeit gen Westen offen gehalten werden muss. Er versucht mit seinen nur noch wenigen Soldaten zwei anstürmende russische Regimenter aufzuhalten. Russe um Russe fällt. Die Menschen werden den Hang hinauf getrieben. Die deutschen Maschinengewehre schlagen in die Menge und mähen sie nieder. Es ist kein reifes Korn, es sind junge Männer, Männer, die noch nicht wirklich ihr Leben gelebt haben. Nach langen Stunden des Kampfes spricht mein Vater über Funk: „Siebzehn meiner braven Männer sind nicht mehr.“ Dann herrscht Funkstille.
Ein Kriegskamerad berichtete später: „Und genau in dem Moment nach dem Funkspruch verstummte der Kriegslärm.“ Dann ein Nahkampf. Die deutsche Nachhut, der Trupp meines Vaters ist eingekreist und verloren. Oben auf der Straße sind die letzten Einheiten gerade noch aus dem Orelbogen entkommen.

In dem Brief vom Bataillonskommandeur, der meine Mutter im September des Jahres erreichte, war zu lesen: „…dort oben auf der Höhe 243 hatten unsere Soldaten ihre große Stunde….“ In den Akten wurde ein Nahkampf verzeichnet. Zugesprochen wurde das Eiserne Kreuz 2. Klasse. Wie konnte das je trösten?
Wir wandern den Hang hinauf. Ich lege das Blumengebinde ins Gras, für den Vater. Ich hole die Fotos der Familie. Einmal „heil“ sein, einmal mit dem Vater zusammen sein, alle.
Zum Brunnen kommt eine alte Frau mit zwei Eimern. Meine Weggefährten suchen das Gespräch mit ihr.
Sie fragen nach der Zeit damals, nach dem Tag, an dem dieser Ort Obraszowo befreit wurde von den Okkupanten aus Deutschland.
Die alte Frau erzählt:
„Damals, ich war zehn Jahre alt, warnten uns unsere Leute: Ein großer Kampf steht bevor. Versteckt euch im Wald.
Als alles wieder ruhig war, kehrten wir zurück. Auf dem Hang lagen die Toten, Russen und Deutsche, viele Tote.“
„Wer hat sie begraben?“
„Unsere Mütter haben alle begraben, drüben am Bahndamm.“
„Alle? Auch die Deutschen?“
„Alle, alle miteinander.“

Frau Boeker, Aalen

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