schreiberlink-kolumne

Mein erster Schultag

Hinterlasse einen Kommentar

Es war wieder Frühling. Ostern stand vor der Tür und somit mein sechster Geburtstag. Der ganz spezielle Schulanfangsgeburtstag. Aber vorher sollte ich nun tatsächlich in die Schule kommen. Viel aufregender und viel spannender als alles bisher Erlebte. Es war endlich so weit. Ich hatte diesen Tag sehnlichst erwartet.
Mein Bruder und ich wurden herausgeputzt. Dabei wurden auch noch einmal ganz genau die doch schon sauberen Fingernägel überprüft. Mein schöner, neuer, brauner Lederranzen wurde auf den Rücken gesetzt und die passende lederne Brottasche quer über den Körper gehängt. Das Beste war jedoch die herrlich bunte und große Schultüte voller süßer Überraschungen, die ich fest mit meinem linken Arm an meinen Körper drückte.
Meine Eltern hatten ebenfalls ihren Sonntagsstaat angezogen. Wir vier gingen nun meistens im Gänsemarsch auf Trampelpfaden quer durch aufblühende Felder, Wiesen und unserem Wäldchen. Dabei mussten wir auch die brachliegende Autobahntrasse Hamburg-Berlin überqueren.  Die war aus Beton. Hier konnten wir für eine kleine Weile ganz mühelos einen Fuß vor den anderen setzen und das auch noch nebeneinander. Dies war eine willkommene Abwechslung. Nach einer halben Stunde erreichten wir die Dorfmitte. Hier befand sich die kleine Volksschule mit ihren zwei Klassenzimmern. Die eine Klasse war für die Stufen eins bis vier, die andere für die restlichen Jahrgänge fünf bis neun bestimmt. Die Volksschule, wie sie damals hieß, verließ man nach der neunten Klasse.
Alle Eltern und Schulkinder nebst Geschwister versammelten sich draußen auf dem Schulhof. Leider war dieser Tag nicht strahlend. Er war eher trüb und kühl und gar nicht so vorteilhaft für den Fotografen, der nach und nach die einzelnen ABC-Schützen fotografierte. Da stand ich nun mit meiner allerersten Schulausstattung in meinem hellgrauen Wollmäntelchen mit weißen Kragen, weißer Schleife im weißblonden Haar und einem breiten Lächeln auf den Lippen. Zu meinen Füßen stand eine Tafel auf der mit Schönschrift in Kreide „Mein erster Schultag“ geschrieben stand. Obwohl ich dies damals noch nicht lesen konnte, erinnere ich mich, dass ich dieses Schriftbild einfach nur schön fand.
Nach dem Fotografieren musste ich mich in die Reihe der etwa zwanzig Erstklässler anstellen. Da rutschte mir dann doch das Herz in die Hose und das Lächeln verging auf einen Schlag. Bis hierhin war ich ja sicher an der Hand meiner Mutter gewesen und nun sollte ich ganz alleine mit all den fremden Kindern in die Klasse gehen. Unvorstellbar!!! Auch die Verheißung auf das baldige Öffnen der Schultüte brachte keinen Trost. Zum Glück hatten meine Eltern dann die zündende Idee: Sie schickten mich zusammen mit meinen zwei Jahre jüngeren Bruder in das Klassenzimmer. Das stimmte mich endlich versöhnlich. Wir gingen in die Klasse, die mit vielen kleinen Holzbänken und eingebauten Klapptischen ausgestattet war. Jeder setzte sich auf eine Bank. Jetzt erst bemerkte ich, dass eine ganze Wand nur aus Fenstern bestand und hinter uns ein beinahe deckenhoher, dunkler Kohleofen unsere Rücken wärmte. Vorne, vor einer Riesentafel, stand Herr Warwel, mein erster noch junger Lehrer. Er begrüßte uns alle sehr freundlich und erzählte uns etwas über unsere zukünftigen und wunderbaren Entdeckungen vom Schreiben und Lesen und Rechnen.  Irgendwie fasste ich ganz schnell Vertrauen zu ihm und wusste wohl intuitiv, dass der sogenannte „Ernst des Lebens“ sich erst einmal in die „Neugierde auf das Leben“ gewandelt hatte.

Elisabeth Allerheiligen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s