schreiberlink-kolumne

Benzin reden

Hinterlasse einen Kommentar

Ab April melde ich meine Yamaha xj 550 wieder bei Steuer und Versicherung an.
Das Öl ist gewechselt, die Reifen sind in Ordnung, die Maschine ist TÜV-geprüft. Der Termin steht schon lange fest.
Die eine oder andere Spritztour zum Ebnisee oder über den Hohenstaufen lockt.
Noch gibt es zahlreiche Löcher auf der Straße, die Eis und Schnee in den Asphalt gefressen haben. Und das Wetter ist ebenfalls noch zu unbeständig, um größere Touren zu planen.
Es kribbelt in den Fingern – statt die Energie an den Gasgriff abzugeben, wird der Chrom poliert und mit den Jungs „Benzin geredet“.

Die Ausfahrt zum Biker-Gottesdienst nach Schwäbisch Hall ist jedes Jahr das erste gemeinsame Fest unserer Clique, allesamt auf Motorrädern, meist älteres Material – wie die Fahrer eben.
Wir verabreden uns auf Sonntagmorgen, rechtzeitig fahre ich los.
Vorbei an frischgrünen Wiesen mit Löwenzahn, der morgens um zehn Uhr seine gelben Blütenkörbe ganz weit aufgerissen hat. Man kann diesen hochflorigen Blütenteppich riechen. Das liebe ich am Motorradfahren: Weite Strecken zu fahren und die Natur dabei zu erleben, auf wenige Sekunden verdichtete Sinneseindrücke schmecken. Eben noch treffen Geruchspartikel von frisch gemähtem Rasen auf meine Nasenschleimhaut, dann fange ich mir einen kalten Schwall Waldluft ein, die sich im Schatten mit modrigem Holz- und Moosdüften aufgeladen hat.
Die Jungs warten am vereinbarten Treffpunkt. Gemeinsam fahren wir in die Stadt. „Biker-Gottesdienst“ steht auf den Schildern, die uns durch die Innenstadt geleiten bis hin zur Kirche St. Michael.
Der Platz vor der Freitreppe ist schon angefüllt mit Motorrädern aller Art: Japanische Hondas, Suzukis, Yamahas, Italiener von Moto Guzzi, eine englische Triumph, natürlich alle Arten aus den Bayrischen Motorenwerken und so fast alles, was man aus der amerikanischen Harley Davidson machen kann. Wahres Understatement verbreitet dazu eine Schwalbe, nein es sind sogar drei, die im Gegensatz zu ihrem DDR-deutschen Herkunftsstaat die Wende überstanden haben. Daneben dick und fett Motorräder mit Beiwagen und hoch polierte Oldies.
Ich stelle meine grüne Maschine dazu, positioniere den Helm sauber auf dem Sattel.
Auf der Bühne wird Live-Musik gespielt: „Sunday morning“.
Wir setzen uns zu den anderen auf die große Treppe. Nahezu tausend Biker sind gekommen. Viele von uns sind nicht besonders fromm, sind aber da um miteinander Gemeinschaft zu erleben, die Saison zu eröffnen, und ein bisschen über sich, Gott und die Welt nachzudenken.
Wir lassen uns deshalb auch gern vom Pfarrer als Brüder und Schwestern anreden.
Ein junger Mann geht während des Gottesdienstes durch die Reihen der Maschinen. Auf dem Arm trägt er ein Kind, das Milch aus seinem Fläschchen trinkt und dabei so friedlich ist wie die beiden Kinder, die hinter dem jungen Familienvater her laufen. Die beiden haben ihre Freude an dem Golden Retriever, der, brav gekämmt und mit Sonnenbrille, in einem der Beiwagen posiert und sich geduldig streicheln lässt. Der Vater schaut sehnsüchtig, etwas in Erinnerungen schwelgend auf die Maschinen. Seine Zeit ist vorbei – und sie wird wieder kommen.
„Think twice“ spielt die Band.
Abschied – ist das Thema des diesjährigen Gottesdienstes. Die Polizei hat dabei den Part, uns Biker zu ermahnen, nicht unser Leben und das anderer Menschen zu riskieren.
Immer wieder wird Motorradfahren mit dem Thema Tod in Verbindung gebracht. Die Polizei bringt aber noch stärker die Begriffe Vorsicht, Rücksicht, Umsicht an. Damit können wir Jungs in Lederjacken uns gut und gern identifizieren und sind offen für Gottes Segen, der den Gottesdienst beschließt, aber noch nicht das Biker-Treffen.

Es folgt die gemeinsame Ausfahrt durch das Hohenloher Land.
Wir steigen auf unsere Maschinen. Das passiert umsichtig – mit Rücksicht auf die, die noch nicht startklar sind, mit Vorsicht, damit kein Kratzer an die eigene und andere Maschinen kommt. Neben mir steht eine wuchtige BMW-Boxer, dabei eine Frau. Bereits verkehrssicher in Lederkombi und Helm verpackt richtet sie die Schutzkleidung ihres Sozius, ihres etwa zehnjährigen Jungen. Dann zieht auch sie ihre Handschuhe an, steigt auf die Maschine, startet und löst sich aus dem Gewühl der aufbrechenden Biker.

Wir verlassen den Kirchplatz, fahren auf die Kreuzung. Die Polizei lotst uns, dass alle gemeinsam in einer schier nicht enden wollenden Kolonne aus der Stadt rollen.
Über Land wird so gefahren, dass die Kette, nicht abreißt – eine gute Übung für Geduld, Aufmerksamkeit und angemessenes Fahren. Dazu kommt ein Gefühl von Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit, nicht mehr durch Reden, vielmehr durch Bewegung – Fahren, Schalten, Bremsen.
Auf der Landstraße muss der Querverkehr warten. Angesichts der Biker-Karawane warten die Fahrer geduldig, schalten den Motor ab, lachen uns zu – jedenfalls die Frauen. Und mir scheint, als sind heute nur Frauen im Auto unterwegs.
An den Straßenrändern wachsen Schlüsselblumen, auf den Streuobstwiesen blühen die Apfelbäume. Doch jetzt rieche ich sie nicht. Die Mischung aus Öl, Benzin und Auspuffgasen, den der Tross ausströmt, überdeckt inzwischen alles andere. Ich fahre mit meinen Jungs rechts ab. Wir lösen uns aus der Rundfahrt und rollen gemeinsam nach   Südwest, Richtung Heimat.

Thomas Schwendele, Schwäbisch Gmünd

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s