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Der Nadelbrief

Ein Kommentar

„Gestatten, ich bin der Nadelbrief. Für einen Nadelbrief bin ich ungewöhnlich unordentlich. Meine Besitzerin ist etwas chaotisch. Sie läßt die Fäden in den Öhren – abgeschnitten oder auch ganz lang. Auch hat sie die Nadeln nicht der Größe und der Stärke nach geordnet und quält meine feinen Löcher mit einer furchtbar dicken Nadel, die da überhaupt nicht hingehört. Was ist das überhaupt für eine dicke ordinäre Nadel?“
„Ich bin eine Stopfnadel und ich bin überhaupt nicht dick und ordinär, sondern sehr fleißig und nützlich“, antwortete die Stopfnadel ziemlich beleidigt. „Ihr solltet mich in Ehren halten, ich bin nämlich der etwas schwierige Anfang einer Geschichte, die gut ausgeht. Mit mir hat meine Besitzerin entsetzlich viele Strümpfe gestopft. Und wenn sie zu ihrer Freundin wollte und hatte ihre Strümpfe nicht gestopft, sondern gelogen um gehen zu dürfen, mußte sie zur Strafe auch noch die Strümpfe ihrer Cousins stopfen. Das Mädchen war in Übung!“
„Ach“, sagte da die Nähnadel, die neben der Stopfnadel steckt, „jetzt weiß ich auch, warum das Mädchen so dumm mit mir umgegangen ist. Erst einmal chaotisch und dann nur immer im Umgang mit so einem Grobian wie sie es sind, Frau Stopfnadel. Es hat ja überhaupt nichts zustande gebracht. Die Stiche waren ungleichmäßig, und nichts als Falten im Stoff und zusammengezogen. Na das mußte dann natürlich alles wieder aufgetrennt werden, wer kann denn so eine Schlamperei dulden! Naja, dann hat sie getrennt – unter Tränen. Dabei sieht man wohl auch nicht so gut. Der Stoff sah am Ende aus – mir fehlen die Worte. Der hat mir vielleicht leid getan. Und während die ersten Mitschülerinnen schon stolz zur Lehrerin gingen, um ihre fertigen Arbeiten vorzuzeigen, saß sie immer noch da und hat getrennt. Ich sage euch, sie hat nie etwas zustande gebracht, das dumme Ding. Zum Glück ist sie dann von der Schule abgegangen. Ich habe geglaubt, sie braucht mich jetzt nicht mehr und war froh, dass sie mich nicht mehr blamiert. Aber was glaubt ihr, geht sie doch auf die Frauenfachschule, weil sie dieses eine Jahr für die Berufsausbildung braucht! Ich dachte, das halte ich auf keinen Fall aus!“
„Ja, ja,“ sagt da ihre Nachbarin, die zweite Nähnadel, „ich weiß. Das arme Mädchen bekam jetzt die Unterrichtsfächer Sticken, Schneidern, Wäschenähen und Weben.Und da du ja so wütend auf sie warst, habe ich Mitleid mit ihr gehabt und habe mich zur Verfügung gestellt. das war am Ende gar nicht so übel. Da hat das Mädchen auch eine ganz nette Lehrerin bekommen, die hat ihr das Auftrennen einfach verboten. ´Sie haben es jetzt so gemacht, wie sie es können´, hat sie zu dem Mädchen gesagt, ´und so bleibt es jetzt auch.´ Die Lehrerin war nämlich klug. Sie hatte gesehen, dass das Mädchen schöne Ideen hatte und hat ihr eine bessere Note dafür gegeben. Da hat das Mädchen Mut gefaßt und ist mit mir auf einmal viel netter umgegangen als vorher. das war gar nicht so schlecht.“
„Ich glaube, davon habe ich profitiert“, sagt die dritte Nähnadel. „Denn als das Mädchen später verheiratet war und ihr erstes Kind bekommen hatte, hat sie mich als Malstift benutzt und mit mir das Taufkleid bestickt mit vielen schönen Blumen und Schmetterlingen und Bienen – das hat Spaß gemacht!“
„Ja“, sagten die restlichen Nähnadeln, „und mit uns hat sie Blusen und Kleider und Tischdecken bestickt.“
Und die feine Perlnadel, die da noch steckt, sagt: „ich habe die beste Geschichte zu erzählen, denn mit mir hat sie angefangen Spitze zu nähen. Ich sage euch, das ist das Feinste, was man mit einer Nadel überhaupt herstellen kann. Ich bin stolz ihre Nadel zu sein.“
„So“, sprach da wieder der Nadelbrief, „auch wenn ich chaotisch aussehe, bin ich doch eigentlich sehr gut für das Mädchen gewesen, denn ich habe alle ihre Entwicklungsstufen aufbewahrt und wie die Stopfnadel gesagt hat, die Geschichte ist ja gut ausgegangen.“

Gudrun Borck (70 Jahre)

Ein Kommentar zu “Der Nadelbrief

  1. Was für ein witziger und einfallsreicher Text. Danke dafür 🙂

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